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Piemont – am Fuße der Berge

Durch das Feinschmecker-Paradies Italiens vom 29. März bis 11. April 2025.

Piemont war für uns bisher die endlose Poebene, die man auf dem Weg nach Ligurien oder an die Côte d’Azur durchquert. Doch diesmal haben wir angehalten und wurden belohnt.
Piemont ist viel mehr als eine Durchfahrtsstrecke. Es ist ein kleines Paradies für Genießer: das größte Reisanbaugebiet Europas, mehrere Anbaugebiete von edlen Weinen und ein Schlaraffenland für Pralinen- und Trüffelliebhaber.

Wir trafen auf herzliche und freundliche Menschen, die uns willkommen hießen. Sie sind bodenständig, zurückhaltend und stolz auf ihre Heimat. Ihre Tradition und Lebensfreude haben sie sich durch die hochwertige, authentische Kulinarik bewahrt.

Wir erkundeten das Land „am Fuße der Berge“ – wie Piemont treffend übersetzt wird – außerhalb der Reisesaison. Zeitweise hatten wir das Gefühl, wir sind die einzigen Touristen. Trotzdem waren Sehenswürdigkeiten, Museen und Lokale allerorts geöffnet.
Haben wir etwas vermisst? Das Meer? Nicht wirklich. Das phänomenale Alpenpanorama hinter den sanften Hügeln von Monferrato, Langhe und Roero zog uns jeden Tag aufs Neue in seinen Bann.

Sprache

Bis auf feststehende Begriffe und Sätze, die sich in Gaststätten, beim Tanken, bei Ticketbuchungen oder Einkäufen permanent wiederholen, sind wir der italienischen Sprache nicht mächtig. Doch ein freundliches Buongiorno, Salve, Per favore oder Grazie öffnet Türen. Nachdem wir uns als Deutsche zu erkennen gegeben haben, wechselten die Piemontesen auch beim Smalltalk auf offener Straße oft ins Englische. Den Willen zu einer flüssigen Konversation wussten wir zu schätzen. Die Verständigung verlief somit prima.

Hinweise sind obligatorisch in italienischer Sprache ausgeschildert. Nur an touristischen Hotspots sind sie ausnahmsweise mehrsprachig. Wir behelfen uns in diesen Situationen gern mit der App „Google Übersetzer“. Wir richten die Smartphone-Kamera auf den Text und erhalten die Übersetzung unmittelbar am Bildschirm angezeigt.
Bei einigen Sehenswürdigkeiten, insbesondere die der UNESCO-Welterbestätten, werden über QR-Codes kostenfreie Audio-Guide-Apps angeboten, die Hörbeiträge zu den ausgestellten Objekten in der gewünschten Sprache abspielen.

Bei der Hinfahrt den San Bernardino im Schneetreiben zu passieren, in Bellinzona den Frühling zu begrüßen und dabei binnen einer halben Stunde einen Temperatursprung von 20°C zu erleben: Das hat geflasht!
Es war nur die Ouvertüre. Der vorsommerliche Lenz hatte das Piemont während unseres zweiwöchigen Roadtrips voll im Griff. Nach den durchwachsenen Touren durch Südböhmen, den Odenwald und Oberschwaben war uns das Wetterglück wieder hold. So wie eben in den 15 Jahren zuvor auch.

Die Menschen saßen auch noch um 21 Uhr in den Straßencafés und -bars. Ein Hauch von lauen Sommerabenden lag in der Luft – und dies im März / April. Wir mussten das Wohnmobil deutlich weniger beheizen als im Vorhinein spekuliert. Nur in den frühen Morgenstunden verlangten unsere Körper nach etwas mehr Wärme.

Wenige Tage nach unserer Rückkehr zog eine Unwetterfront mit Starkregen über den Norden Italiens. Insbesondere der Alpenrand im Piemont sowie das Reisanbaugebiet entlang des Pos und der Sesia wurden von Überschwemmungen verwüstet.

Die kalten Monate sind prädestiniert für einen Ski- oder Wellness-Urlaub in der alpinen Region. Der Sommer ist im Piemont heiß und schwül. Für eine Rundreise, wie wir sie unternommen haben, empfehlen wir das Frühjahr und den Herbst. Zu dieser Jahreszeit ist die Luft klarer; die unerlässliche Voraussetzung für atemberaubende Fernblicke auf das majestätische Alpenpanorama. Im Oktober ist zudem der Höhepunkte der Wein- und Trüffelsaison. Sehr beliebt, also rechtzeitig buchen!

Leider ist im Piemont der Einfluss des Klimawandels unübersehbar. Europas Reiskammer geht das Wasser aus. Da die notwendige Schneeschmelze ausblieb, sind die Flüsse zu Rinnsalen verkommen.
Genauso kämpfen die Winzer mit der Trockenheit. Sie versuchen unter anderem durch das Fräsen des Bodens die Wurzeln der Rebstöcke dazu zu bringen, tiefer in den Boden zu wachsen. Die Reben leiden unter den Bedingungen. Dies beeinträchtigt die Qualität und Quantität der Trauben.
Trotz der klimatischen Herausforderungen werden weiterhin Erfolge erzielt. Kenner feiern besonders die jüngeren Jahrgangsweine.

Ja, so muss man es wohl nennen. Unsere Form des Reisens hat mit dem ursprünglichen Camping nicht viel gemein. Wie Nomaden übernachten wir täglich an einem anderen Ort. Uns reicht in der Regel ein Parkplatz. Alle erdenklichen Annehmlichkeiten befinden sich schließlich an Bord.

Wir fahren deshalb gern nach Italien. Fast jede Stadt bietet in fußläufiger Entfernung zum Zentrum eine Übernachtungsmöglichkeit an – häufig sogar kostenfrei inklusive Wasserversorgung und Abwasserentsorgung. Die Fäkalienkassette entleeren wir meistens an Autobahnraststätten.
Der Roadtrip durch das Piemont war daher sehr kostengünstig. Strom: 0 €, Wasser: 0 €, Abwasser und Fäkalien: 0 €. Wenn wir an zwei Orten intensiver gesucht hätten, wären für die Übernachtungen in den zwei Wochen summa summarum auch keine Gebühren angefallen.

Im Gegensatz zur Abruzzen-Tour 2023 fehlte diesmal das Freistehen in der Natur. Es drängte sich auch nicht auf, da sich die Attraktionen stets in oder nahe von bebauten Gebieten befanden. Die Pedelecs kamen somit auch nicht zum Einsatz.

Trotz der sonnigen 24°C waren wir mit Winterreifen unterwegs. Zum einen empfing uns die Schweiz im Hinweg mit Schneefall, zum anderen gilt in der Region Piemont vom 15. November bis 15. April eine Winterausrüstungspflicht. Das hat die Gummis arg strapaziert. Obendrein mussten sich die Stoßdämpfer beweisen. Die Landstraßen sind mit Schlaglöchern regelrecht übersäht. Selten sind wir auf solch ramponierten Straßen gefahren.

In den hügeligen Gegenden sind die Überlandstraßen und Ortsdurchfahrten schmäler. Während Autos mit Gegenverkehr fahren dürfen, wurde für Fahrzeuge über 3,5 t zGG (fallweise über 2,5 t zGG) ein ausgeklügeltes Einbahnstraßensystem ausgeschildert. Es funktioniert super. Wir konnten die kleinen Bergdörfer anfahren, kamen jedoch dabei mit größeren Vehikeln nicht ins Gehege.

Für die Anreise nach Turin empfehlen wir den Zug. Nicht nur wegen des täglich stattfindenden Staus, sondern auch wegen der Kriminalität in den Vororten. Diebstähle gehören dort leider zur Tagesordnung. Hinweisschilder und Durchsagen warnen zur Vorsicht.

Das Piemont kann man schmecken. Die regionale Kulinarik fängt erst hinter Pizza und Pasta an. Wir haben sie probiert, um ein Gefühl für Land und Leute zu bekommen.
Zahlreiche Orte präsentieren ihre lokalen Spezialitäten, die mit viel Herzblut zubereitet werden. Bei jedem Schluck und bei jedem Biss offenbarte sich eine harmonische Allianz erlesener Aromen.

Piemont – du hast uns überrascht. Es war ein Fest für unsere Gaumen, für unsere Augen und für unsere Herzen. Wir haben geschmeckt, geschaut, gestaunt und einfach genossen. Grazie.

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